<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?><rss xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/" xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/" xmlns:atom="http://www.w3.org/2005/Atom" version="2.0" xmlns:itunes="http://www.itunes.com/dtds/podcast-1.0.dtd" xmlns:googleplay="http://www.google.com/schemas/play-podcasts/1.0"><channel><title><![CDATA[Joel Roerick]]></title><description><![CDATA[Joel Roerick]]></description><link>https://joelroerick.substack.com</link><image><url>https://substackcdn.com/image/fetch/$s_!5Q0d!,w_256,c_limit,f_auto,q_auto:good,fl_progressive:steep/https%3A%2F%2Fsubstack-post-media.s3.amazonaws.com%2Fpublic%2Fimages%2F9e178f71-f8fe-4c07-a5a1-b090110f6b2a_1080x1080.png</url><title>Joel Roerick</title><link>https://joelroerick.substack.com</link></image><generator>Substack</generator><lastBuildDate>Mon, 15 Jun 2026 13:48:13 GMT</lastBuildDate><atom:link href="https://joelroerick.substack.com/feed" rel="self" type="application/rss+xml"/><copyright><![CDATA[Joel Roerick]]></copyright><language><![CDATA[en]]></language><webMaster><![CDATA[joel@konsent.berlin]]></webMaster><itunes:owner><itunes:email><![CDATA[joel@konsent.berlin]]></itunes:email><itunes:name><![CDATA[Joel Roerick]]></itunes:name></itunes:owner><itunes:author><![CDATA[Joel Roerick]]></itunes:author><googleplay:owner><![CDATA[joel@konsent.berlin]]></googleplay:owner><googleplay:email><![CDATA[joel@konsent.berlin]]></googleplay:email><googleplay:author><![CDATA[Joel Roerick]]></googleplay:author><itunes:block><![CDATA[Yes]]></itunes:block><item><title><![CDATA[Was ist Recovery?]]></title><description><![CDATA[Recovery hei&#223;t Genesung.]]></description><link>https://joelroerick.substack.com/p/was-ist-recovery</link><guid isPermaLink="false">https://joelroerick.substack.com/p/was-ist-recovery</guid><dc:creator><![CDATA[Joel Roerick]]></dc:creator><pubDate>Mon, 30 Mar 2026 07:29:35 GMT</pubDate><enclosure url="https://substackcdn.com/image/fetch/$s_!5Q0d!,w_256,c_limit,f_auto,q_auto:good,fl_progressive:steep/https%3A%2F%2Fsubstack-post-media.s3.amazonaws.com%2Fpublic%2Fimages%2F9e178f71-f8fe-4c07-a5a1-b090110f6b2a_1080x1080.png" length="0" type="image/jpeg"/><content:encoded><![CDATA[<p><strong>Recovery hei&#223;t Genesung. Das klingt einfacher, als es ist. Denn hinter dem Begriff stecken zwei grundverschiedene Vorstellungen davon, was Genesung bedeutet &#8211; und welche Rolle Betroffene dabei spielen. Das klinische Modell denkt vom Krankheitsbild her: Symptome sollen verschwinden, Normalit&#228;t wiederhergestellt werden. Der Recovery-Ansatz denkt anders. Er stellt die Frage, was m&#246;glich ist &#8211; nicht, was kaputt ist.</strong></p><div><hr></div><blockquote><p>&#8222;Recovery bedeutet, so gut wie m&#246;glich zu leben." (South London and Maudsley NHS Foundation Trust, 2010, eigene &#220;bersetzung)</p></blockquote><p>Das ist die wohl k&#252;rzeste und pr&#228;gnanteste Definition von Recovery, die in der wissenschaftlichen Literatur zitiert wird. Und sie ist ein guter Ausgangspunkt, um zu verstehen, worum es geht.</p><div><hr></div><h2>Recovery hei&#223;t erst mal: Genesung</h2><p>Das englische Wort <em>Recovery</em> klingt im Deutschen exotischer, als es ist. Schaut man in W&#246;rterb&#252;cher wie Merriam-Webster oder Pons, findet man eine Vielzahl an &#220;bersetzungen: Erholung, Wiedergewinnung, R&#252;ckgewinnung &#8211; und eben Genesung. Im medizinischen Kontext ist &#8222;Genesung" die naheliegendste &#220;bersetzung. Nichts Geheimnisvolles also. Recovery hei&#223;t Genesung.</p><p>Die Frage ist nur: Welche Art von Genesung?</p><div><hr></div><h2>Zwei Modelle von Genesung</h2><p>In der Psychiatrie haben sich zwei grundverschiedene Vorstellungen davon entwickelt, was Genesung bedeutet: klinische Genesung (<em>clinical recovery</em>) und pers&#246;nliche Genesung (<em>personal recovery</em>). Mike Slade hat diese Unterscheidung systematisch herausgearbeitet und den Begriff <em>personal recovery</em> als eigenst&#228;ndiges Konzept in der Fachliteratur verankert (Slade, 2009).</p><p>Klinische Genesung denkt vom Krankheitsbild her. Sie meint einen objektiv beschreibbaren Endzustand: Symptome lassen nach oder verschwinden, Betroffene kehren in ein &#8222;normales" Leben zur&#252;ck &#8211; und gelten dann als genesen (Slade, 2009). Was genau diese Normalit&#228;t ausmacht, wird von Fachleuten definiert und bewertet. Im Zentrum stehen Diagnostik, Defizite und Symptomreduktion. Welche Kriterien eine solche Normalit&#228;t festlegen, erscheint allerdings diskussionsw&#252;rdig (Ralph &amp; Corrigan, 2005).</p><p>Pers&#246;nliche Genesung denkt anders. Sie versteht Genesung nicht als Endzustand, sondern als Prozess des pers&#246;nlichen Wachstums. Nicht die Symptome stehen im Mittelpunkt, sondern F&#228;higkeiten und Potenzial. Nicht Fachleute bewerten, ob jemand genesen ist &#8211; das tut die betroffene Person selbst. Die eigene gelebte Erfahrung und eigene Entscheidungen leiten den Weg, nicht allein professionelles Fachwissen. Und der Fokus liegt auf St&#228;rkung statt auf Reduktion.</p><p>Wenn ich von Recovery spreche, meine ich pers&#246;nliche Genesung im Sinne des Recovery-Ansatzes. Und nichts anderes.</p><div><hr></div><h2>Woher kommt der Recovery-Ansatz?</h2><p>Seit Ende der 1970er Jahre &#228;u&#223;ern Betroffene vermehrt, dass das klinische Modell nicht ihre Wirklichkeit widerspiegelt. Pionier:innen wie Judi Chamberlin und Patricia Deegan &#8211; selbst Psychiatrie-Erfahrene &#8211; beschreiben Genesung als etwas, das nicht von au&#223;en verordnet werden kann, sondern von innen heraus w&#228;chst (Chamberlin, 1978; Deegan, 1988). William Anthony hat diese Perspektive begrifflich auf den Punkt gebracht: Recovery sei ein zutiefst pers&#246;nlicher, einzigartiger Prozess, bei dem ein Mensch Einstellungen, Werte, Gef&#252;hle, Ziele und F&#228;higkeiten ver&#228;ndert &#8211; und trotz der durch Krankheit verursachten Einschr&#228;nkungen ein erf&#252;lltes, hoffnungsvolles und beitragendes Leben f&#252;hrt (Anthony, 1993). Slade (2009) hat darauf aufbauend die theoretische Abgrenzung zwischen klinischer und pers&#246;nlicher Genesung formuliert, wie oben beschrieben. Die Modellbildung wird in einem eigenen Beitrag vertieft.</p><div><hr></div><h2>Genesung im Sinne von Recovery</h2><p>Was hei&#223;t das also konkret? Genesung im Sinne des Recovery-Ansatzes bedeutet: <strong>Ein Mensch findet seinen eigenen Weg, mit Krankheit, Krise oder Behinderung zu leben.</strong>Hoffnung ist m&#246;glich. Neue Ziele sind m&#246;glich. Sinn kann wachsen &#8211; auch wenn nicht alles leicht ist und auch wenn Symptome bleiben.</p><p>Es gibt keine Einheitsl&#246;sung. Jede Person geht ihren Weg in eigenem Tempo. Recovery meint nicht nur medizinische Behandlung, sondern k&#246;rperliche, seelische und soziale Entwicklungen. Der Recovery-Ansatz positioniert sich dabei weder f&#252;r noch gegen Medikamente. Manche Menschen erleben Psychopharmaka als hilfreich, andere nicht. Was z&#228;hlt, ist die eigene Wahl &#8211; und dass diese Wahl auf Augenh&#246;he getroffen wird &#8211; wirklich auf Augenh&#246;he, gemeinsam mit Fachkr&#228;ften, nicht von ihnen bestimmt. Betroffene sind Expert:innen f&#252;r ihr eigenes Leben.</p><p>Und die eigene Sicht steht im Mittelpunkt. Wirklich. Was pers&#246;nliche Genesung betrifft: Wenn du dich gesund f&#252;hlst, dann bist du gesund &#8211; egal, was Fachkr&#228;fte sagen. Und wenn Symptome zu deiner Realit&#228;t geh&#246;ren, dann geh&#246;ren sie zu deiner Realit&#228;t. Ich habe einmal mit einem Klienten gearbeitet, der Stimmen h&#246;rte. Er redete wild und vergn&#252;gt mit seinen Stimmen, hatte offensichtlich Spa&#223; dabei &#8211; und schaute mich irgendwann an &#8211; halb absch&#228;tzig, halb triumphierend, mit einem Augenzwinkern und einer wegwerfenden Handbewegung: &#8222;Du verstehst ja nichts davon. Du h&#246;rst ja keine Stimmen." Er hatte recht. Genesung bedeutete f&#252;r ihn nicht die Abwesenheit von Stimmen, sondern einen Umgang mit den Stimmen, der ihm Lebensqualit&#228;t bot. So gut wie m&#246;glich leben &#8211; genau das.</p><div><hr></div><h2>Recovery und Krise</h2><p>Die Unterschiede zwischen den beiden Genesungsmodellen werden besonders deutlich, wenn wir &#252;ber Krisen sprechen. Von einer psychosozialen oder psychiatrischen Krise ist dann die Rede, wenn eine Person ihr seelisches Gleichgewicht verliert, sich &#252;berfordert sieht und die Situation aktuell nicht bew&#228;ltigen kann (Cullberg, 2008; Sonneck et al., 2016). Doch was eine Krise <em>ist</em> und wie mit ihr umgegangen werden soll &#8211; dar&#252;ber gehen die beiden Genesungsmodelle weit auseinander.</p><p>Im klinischen Verst&#228;ndnis gilt eine Krise als Pathologie, als psychiatrischer Notfall, gar als &#8222;objektiv identifizierbares Krankheitsbild" (Gullslett et al., 2016). Krise ist ein Versagen oder ein R&#252;ckfall. Die Krisenintervention wird von professionellem Fachwissen geleitet, Genesung ist ein Ergebnis der Behandlung, und der Fokus liegt auf der Reduzierung von Defiziten und Symptomen. Fachleute bewerten, ob die Krise &#252;berwunden ist.</p><p>Der Recovery-Ansatz sieht Krisen anders. Hier wird Krise als eine &#8222;legitime und wertvolle menschliche Erfahrung" beschrieben (Watson et al., 2014) &#8211; ein aktiver Raum, der zum Wachstum beitragen kann. Der Recovery-Prozess ist geleitet von gelebter Erfahrung und eigenen Entscheidungen, nicht allein von Fachwissen. Genesung ist ein Prozess des pers&#246;nlichen Wachstums und rein subjektiv. Und der Fokus liegt auf der St&#228;rkung von F&#228;higkeiten und Potenzial, nicht auf Defiziten.</p><p>Das hei&#223;t nicht, dass Recovery ohne Schmerz denkbar w&#228;re. Patricia Deegan beschreibt den Beginn von Recovery als das Erleben einer &#8222;dunklen Nacht der Verzweiflung" &#8211; und im weiteren Verlauf die Erfahrung, dass R&#252;ckschl&#228;ge Teil des Prozesses sind (Deegan, 1988). Der Weg ist nicht gerade. Er ist auch nicht leicht. Aber der entscheidende Perspektivwechsel liegt darin, dass Krisen nicht nur etwas sind, das es zu &#252;berstehen gilt. Sie k&#246;nnen auch Aufbruch sein, Ausgangspunkt f&#252;r etwas Neues (Borg et al., 2011; Neumann, 2023). Es geht darum zu verstehen, wie Betroffene Krisen erleben und welche Art von Unterst&#252;tzung sie als hilfreich empfinden (Borg et al., 2011) &#8211; und darum, Ressourcen zu entdecken statt Defizite zu behandeln. Die Frage lautet nicht: Was ist kaputt? Sondern: Wie kann das &#8222;kreative Potenzial von Krisen" entdeckt werden (Neumann, 2023)? Was braucht dieser Mensch, um aus der Krise heraus einen Schritt zu tun &#8211; nicht zur&#252;ck in eine vermeintliche Normalit&#228;t, sondern vorw&#228;rts, in sein Leben?</p><p>F&#252;r die Eingliederungshilfe ist dieser Perspektivwechsel besonders relevant. Hier werden Menschen begleitet, die h&#228;ufig nicht von kurzfristigen Krisen betroffen sind, sondern mit chronisch-protrahierten Krisen leben &#8211; manchmal &#252;ber Jahrzehnte. Sie gelten als &#8222;austherapiert", tragen das Stigma, nicht therapief&#228;hig zu sein. Recovery-Orientierung in der Eingliederungshilfe hei&#223;t, genau hier anzusetzen: nicht bei der Frage, was nicht funktioniert, sondern bei der Frage, was m&#246;glich ist.</p><p><strong>Kurz gesagt:</strong> Recovery hei&#223;t Genesung. Und es hei&#223;t noch viel mehr: den eigenen Weg finden, Hoffnung n&#228;hren, Sinn entdecken und ein erf&#252;lltes Leben f&#252;hren &#8211; auch mit Krankheit, Krise oder Behinderung.</p><div><hr></div><h3>Literatur</h3><p>Anthony, W. A. (1993). Recovery from mental illness: The guiding vision of the mental health service system in the 1990s. <em>Psychosocial Rehabilitation Journal</em>, <em>16</em>(4), 11&#8211;23. <a href="https://doi.org/10.1037/h0095655">https://doi.org/10.1037/h0095655</a></p><p>Borg, M., Karlsson, B., Lofthus, A.-M. &amp; Davidson, L. (2011). "Hitting the wall": Lived experiences of mental health crises. <em>International Journal of Qualitative Studies on Health and Well-being</em>, <em>6</em>(4), 7197. <a href="https://doi.org/10.3402/qhw.v6i4.7197">https://doi.org/10.3402/qhw.v6i4.7197</a></p><p>Chamberlin, J. (1978). <em>On our own: Patient-controlled alternatives to the mental health system</em>. Hawthorn Books.</p><p>Cullberg, J. (2008). <em>Krisen und Krisentherapie</em>. Psychiatrie Verlag.</p><p>Deegan, P. E. (1988). Recovery: The lived experience of rehabilitation. <em>Psychosocial Rehabilitation Journal</em>, <em>11</em>(4), 11&#8211;19. <a href="https://doi.org/10.1037/h0099565">https://doi.org/10.1037/h0099565</a></p><p>Gullslett, M. K., Kim, H. S. &amp; Andersen, A. J. W. (2016). "Emotional darkness without solutions": Subjective experiences of mental health crisis. <em>International Journal of Mental Health</em>, <em>45</em>(3), 161&#8211;170.</p><p>Neumann, F. (2023). Krisenintervention. In I. Jungkunz, A. K&#246;berlein &amp; F. Neumann (Hrsg.), <em>Handbuch Sozialpsychiatrie</em>. Psychiatrie Verlag.</p><p>Ralph, R. O. &amp; Corrigan, P. W. (2005). <em>Recovery in mental illness: Broadening our understanding of wellness</em>. American Psychological Association.</p><p>Slade, M. (2009). <em>Personal recovery and mental illness: A guide for mental health professionals</em>(1. publ). Cambridge University Press.</p><p>Sonneck, G., Kapusta, N., Tomandl, G. &amp; Voracek, M. (2016). <em>Krisenintervention und Suizidverh&#252;tung</em> (3. Aufl.). Facultas.</p><p>South London and Maudsley NHS Foundation Trust. (2010). <em>Social Inclusion and Recovery (SIR) Strategy 2010&#8211;2015</em>. SLaM Partners. <a href="https://www.slamrecoverycollege.co.uk/uploads/2/6/5/2/26525995/sir_strategy_2010-2015_-_final_version1.pdf">https://www.slamrecoverycollege.co.uk/uploads/2/6/5/2/26525995/sir_strategy_2010-2015_-_final_version1.pdf</a></p><p>Watson, S., Thorburn, K., Everett, M. &amp; Fisher, K. R. (2014). Care without coercion&#8212;Mental health rights, personal recovery and trauma-informed care. <em>Australian Journal of Social Issues</em>, <em>49</em>(4), 529&#8211;549.</p><div><hr></div><p>Ver&#246;ffentlicht am 2026-03-30 auf <a href="https://blog.joelroerick.com/2026/03/was-ist-recovery">blog.joelroerick.com</a></p>]]></content:encoded></item><item><title><![CDATA[Konsent als Haltung]]></title><description><![CDATA[Was sich ver&#228;ndert, wenn wir nicht zuerst nach Zustimmung fragen, sondern nach dem, was noch nicht stimmig ist.]]></description><link>https://joelroerick.substack.com/p/konsent-als-haltung</link><guid isPermaLink="false">https://joelroerick.substack.com/p/konsent-als-haltung</guid><dc:creator><![CDATA[Joel Roerick]]></dc:creator><pubDate>Mon, 09 Mar 2026 20:02:07 GMT</pubDate><enclosure url="https://substackcdn.com/image/fetch/$s_!5Q0d!,w_256,c_limit,f_auto,q_auto:good,fl_progressive:steep/https%3A%2F%2Fsubstack-post-media.s3.amazonaws.com%2Fpublic%2Fimages%2F9e178f71-f8fe-4c07-a5a1-b090110f6b2a_1080x1080.png" length="0" type="image/jpeg"/><content:encoded><![CDATA[<p>Konsent-Entscheidungsfindung besteht aus sieben Schritten. Sieben Schritte, die man in wenigen Minuten erkl&#228;ren kann. Aber so detailliert wird man Konsent nur bei gro&#223;en Problemen, bei schweren interpersonellen Konflikten, bei schwierigen Entscheidungen oder bei Vorschl&#228;gen von weitreichender Bedeutung anwenden.</p><p>In den meisten F&#228;llen reicht es, die Schritte im Hinterkopf zu behalten &#8211; sie eher als Prinzipien oder Grundhaltung in die eigene Gespr&#228;chskultur zu &#252;bernehmen. Wir fragen dann bei unserem Gegen&#252;ber die Schritte mehr oder weniger intuitiv ab.</p><p>Konsent ist f&#252;r mich mehr als eine Methode &#8211; es ist eine Grundhaltung. Eine Art, mit Menschen zu sein. Auf Augenh&#246;he. Mit echtem Interesse an ihren Einw&#228;nden. Mit dem Vertrauen, dass wir gemeinsam zu besseren L&#246;sungen kommen.</p><div><hr></div><h2><strong>Konsent zur Gewohnheit machen</strong></h2><p>Sharon Villines (Buck &amp; Villines, 2017, S. 239ff.) schl&#228;gt vor, Konsent als Standard zu erwarten &#8211; und hat mich damit inspiriert. Das hei&#223;t: Handle so, als w&#228;re Konsent die normale Art, Entscheidungen zu treffen &#8211; auch wenn das eigene Umfeld das (noch) nicht so macht.</p><p>Der Kern dabei: <strong>Alles ist ein Vorschlag.</strong> Keine Anweisungen, keine Forderungen &#8211; Vorschl&#228;ge. Und Vorschl&#228;ge k&#246;nnen ver&#228;ndert werden.</p><p>Zur Erinnerung, wie der Prozess funktioniert: Wir benennen eine Spannung &#8211; etwas, das nicht gut l&#228;uft, das uns st&#246;rt, das verbessert werden k&#246;nnte. Daraus entsteht ein Vorschlag. Wir kl&#228;ren Verst&#228;ndnisfragen. Dann sammeln wir Einw&#228;nde: Was k&#246;nnte daran nicht funktionieren? Was fehlt? Und schlie&#223;lich integrieren wir die Einw&#228;nde &#8211; wir machen den Vorschlag besser, bis alle damit leben k&#246;nnen.</p><p>Als Haltung hei&#223;t das: H&#246;re eine Spannung heraus, keinen Vorwurf oder Urteil. Versuche, die Spannungen anderer zu verstehen &#8211; und deine eigenen zu benennen.</p><p>Das Gleiche gilt f&#252;r Vorschl&#228;ge: Gib keine Anweisung, fordere nicht &#8211; mach einen Vorschlag. Und wenn andere anweisen oder Vorw&#252;rfe machen, versuche einen Vorschlag daraus zu h&#246;ren. Transformiere alles in eine Spannung und dann in einen Vorschlag.</p><p>Frag dann: Was sind die Einw&#228;nde? Bei dir selbst, bei den anderen. Leite das Gespr&#228;ch so, dass Einw&#228;nde integriert werden k&#246;nnen. Und mach die Frage &#8222;Hast du noch einen Einwand?&#8221; zur Gewohnheit.</p><p>Bevor Du eine Entscheidung verk&#252;ndest oder zur Abstimmung aufrufst frag, ob es noch Bedenken gibt. Schau die Anwesenden an &#8211; das allein ist schon eine Einladung zu sprechen. Wenn jemand einen Einwand beiseite wischen will, sag: &#8222;Lass uns das kurz anschauen.&#8221; Hilf, den Einwand zu kl&#228;ren. Frag, ob andere &#228;hnliche Bedenken haben.</p><p>Aktiv nach Einw&#228;nden fragen bedeutet: Nach einem Vorschlag nicht fragen &#8222;Alle einverstanden?&#8221;, sondern &#8222;Was k&#246;nnte daran nicht funktionieren? Lasst uns jetzt alle Bedenken auf den Tisch legen.&#8221; Das klingt ungewohnt. Aber es f&#252;hrt meistens zu einem besseren Ergebnis. &#8222;Deshalb ist es so wichtig, Einw&#228;nde willkommen zu hei&#223;en: Durch das Feedback gewinnen wir wichtige Informationen im Rahmen des Entscheidungsprozesses&#8221; (Rau &amp; Koch-Gonzalez, 2018, S. 101). Einw&#228;nde, die man unter den Teppich kehrt, kommen erfahrungsgem&#228;&#223; sp&#228;ter irgendwann wieder hoch &#8211; oft im ung&#252;nstigsten Moment.</p><p>Und dann: Einw&#228;nde gemeinsam l&#246;sen. &#8222;Einw&#228;nde sind der Beginn eines Austauschs, nicht das Ende&#8221; &#8211; sie werden nicht als Hindernisse oder Blockaden gesehen (Rau &amp; Koch-Gonzalez, 2018, S. 101). Ein Einwand ist kein Problem zwischen der einwanderhebenden Person und dem Vorschlag. Er ist eine Aufgabe f&#252;r die ganze Gruppe. Es geht nicht darum, die Person mit dem Einwand zu &#252;berzeugen. Es geht darum, gemeinsam zu schauen: Wie k&#246;nnen wir den Vorschlag so ver&#228;ndern, dass dieser Einwand aufgel&#246;st wird? Das ist ein Unterschied zur Mehrheitsabstimmung, bei der Einw&#228;nde zu Verhandlungsmasse werden &#8211; oder, wie Rau und Koch-Gonzalez schreiben: &#8222;Die Mehrheitsregel birgt die Gefahr, dass wertvolle Informationen in Form von Einw&#228;nden ignoriert werden&#8221; (Rau &amp; Koch-Gonzalez, 2018, S. 168). Im Konsent geht es um den Inhalt, nicht um Tauschgesch&#228;fte.</p><p>Einw&#228;nde ernst nehmen bedeutet auch: Commitment aufbauen. Der wertsch&#228;tzende Umgang mit Einw&#228;nden tr&#228;gt zu einer Kultur bei, in der Menschen ermutigt werden, offen ihre Meinungen, &#220;berlegungen und Bedenken zu &#228;u&#223;ern &#8211; im Vertrauen darauf, dass diese ernst genommen werden (vgl. Rau &amp; Koch-Gonzalez, 2018, S. 102). Wer erlebt, dass seine Bedenken geh&#246;rt und integriert wurden, tr&#228;gt die Entscheidung am Ende mit. Selbst wenn ein Einwand nicht vollst&#228;ndig gel&#246;st werden kann &#8211; allein das gr&#252;ndliche Durchdenken macht es leichter, die Entscheidung zu akzeptieren.</p><p>Das alles (oder auch nur etwas davon) zur Gewohnheit zu machen &#8211; das ist Konsent als Haltung.</p><div><hr></div><h2><strong>Kleine Ver&#228;nderungen, gro&#223;e Wirkung</strong></h2><p>Sharon Villines schreibt:</p><blockquote><p>&#8222;Jede Person ist in der Lage, Harmonie, Resilienz und Reaktionsf&#228;higkeit in sich selbst und in ihrer Umgebung zu schaffen. (&#8230;) Kleine Ver&#228;nderungen im eigenen Verhalten und in den eigenen Erwartungen k&#246;nnen einen gro&#223;en Unterschied machen. (&#8230;) Handle so, als w&#228;re Konsent der Standard.&#8221; (Buck &amp; Villines, 2017, S. 239, eigene &#220;bersetzung)</p></blockquote><p>Das ist der Kern von Konsent als Haltung: Nicht warten, bis das ganze Umfeld umstellt. Sondern anfangen &#8211; im eigenen Bereich, im eigenen Team, im eigenen Gespr&#228;ch. Jede Anweisung, jeder Wunsch kann ein Vorschlag sein. Jede Entscheidung kann Raum f&#252;r Einw&#228;nde lassen. Jeder Einwand kann als Bereicherung verstanden werden.</p><p>Auf Augenh&#246;he zu arbeiten ist ein Ideal &#8211; und ein Lernprozess. Auch f&#252;r mich. Auch f&#252;r Dich. Und f&#252;r uns zusammen.</p><div><hr></div><p>Demn&#228;chst: Konsent und das CHIME-Framework&#8230;</p><div><hr></div><p>Autor: Joel Roerick</p><p>Dieser Text ist inspiriert von:</p><ul><li><p>Villines, S. (2017). Sociocracy for One. In J. Buck &amp; S. Villines, <em>We the People. Consenting to a Deeper Democracy</em> (2. Aufl., S. 239&#8211;241). Sociocracy.info.</p></li><li><p>Rau, T. J. &amp; Koch-Gonzalez, J. (2018). <em>Many Voices One Song: Shared Power with Sociocracy</em>. Sociocracy For All.</p></li></ul><p>Lizenz: <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/">CC BY-NC 4.0</a> (Creative Commons Namensnennung &#8211; Nicht-kommerziell)</p><div><hr></div><p>Ver&#246;ffentlicht am 2026-03-09 auf <a href="https://blog.joelroerick.com/2026/03/konsent-als-haltung">blog.joelroerick.com</a></p>]]></content:encoded></item><item><title><![CDATA[„Ist das nicht alles viel zu kompliziert?”]]></title><description><![CDATA[Warum Konsent kein Methodenproblem ist, sondern ein Kulturwandel]]></description><link>https://joelroerick.substack.com/p/ist-das-nicht-alles-viel-zu-kompliziert</link><guid isPermaLink="false">https://joelroerick.substack.com/p/ist-das-nicht-alles-viel-zu-kompliziert</guid><dc:creator><![CDATA[Joel Roerick]]></dc:creator><pubDate>Sun, 08 Mar 2026 19:09:52 GMT</pubDate><enclosure url="https://substackcdn.com/image/fetch/$s_!5Q0d!,w_256,c_limit,f_auto,q_auto:good,fl_progressive:steep/https%3A%2F%2Fsubstack-post-media.s3.amazonaws.com%2Fpublic%2Fimages%2F9e178f71-f8fe-4c07-a5a1-b090110f6b2a_1080x1080.png" length="0" type="image/jpeg"/><content:encoded><![CDATA[<p><strong>&#8222;Ist das nicht alles viel zu kompliziert?&#8221;</strong> &#8211; Diese Frage h&#246;re ich immer wieder, wenn ich von <a href="https://konsent.berlin/blog/2026/02/03/konsent-in-der-sozialen-arbeit">Konsent</a> erz&#228;hle. Konsent ist eine Methode der Entscheidungsfindung: Wir benennen ein Problem oder eine Spannung, machen einen Vorschlag, sammeln Einw&#228;nde und integrieren sie &#8211; bis alle mit dem Ergebnis leben k&#246;nnen. Nicht perfekt, aber gut genug. Keine Mehrheitsabstimmung, kein Konsens im Sinne von &#8222;alle sind begeistert&#8221;, sondern: Hat jemand einen schwerwiegenden Einwand?</p><p>&#8222;Zu kompliziert&#8221; ist f&#252;r mich Ausdruck eines ehrlichen Reflexes. &#8222;Zu kompliziert&#8221; ist f&#252;r mich deshalb weniger ein Gegenargument als ein Hinweis. Wenn ich genauer hinh&#246;re, stecken dahinter oft drei verschiedene Dinge:</p><ol><li><p><strong>Das widerspricht meiner gewohnten Gespr&#228;chskultur.</strong> Wir alle haben unbewusst sehr konkrete Techniken, wie wir uns unter den Tisch reden, wie wir unsere Argumente durchsetzen. Wir sind im Rededuell sehr gut geschult &#8211; aber eben nicht im Dialog.</p></li><li><p><strong>Das kostet Zeit, die ich nicht zu haben glaube.</strong> Konsent braucht am Anfang Langsamkeit. Das f&#252;hlt sich ineffizient an &#8211; obwohl es das meist nicht ist.</p></li><li><p><strong>Das nimmt mir gewohnte Macht- oder Durchsetzungsoptionen.</strong> Wenn Einw&#228;nde z&#228;hlen, kann ich nicht mehr einfach durchregieren (auch wenn ich nie zugeben w&#252;rde, dass ich gerne durchregiere...).</p></li></ol><p>Hinter dem Begriff &#8222;zu kompliziert&#8221; steckt deshalb oft der Widerstand gegen das Umdenken. Nicht b&#246;swillig, nicht als Blockade &#8211; sondern als ehrlicher Reflex. &#8222;Zu kompliziert&#8221; meint oft nicht den Prozess, sondern das innere Umstellen.</p><div><hr></div><h2>Die sieben Schritte des Konsent-Prozesses</h2><p>Nicht jeder Konsent-Prozess braucht alle sieben Schritte. Bei einfachen Entscheidungen reichen manchmal zwei oder drei. Es geht um Flexibilit&#228;t &#8211; und um die Haltung, die hinter dem Prozess steht.</p><p>&#129703; <strong>Spannung benennen</strong> &#8211; Wir nennen, was nicht gut l&#228;uft, was uns st&#246;rt, was verbessert werden k&#246;nnte. Sachlich, ohne Urteile, ohne Vorw&#252;rfe.</p><p>&#128161; <strong>Vorschlag machen</strong> &#8211; Die Person, die die Spannung benannt hat, macht einen Vorschlag: Wie kann die Spannung aufgel&#246;st werden? Alternativ: Wir arbeiten gemeinsam einen Vorschlag aus.</p><p>&#10067; <strong>Verst&#228;ndnisfragen kl&#228;ren</strong> &#8211; Wir schauen, ob alle den Vorschlag gleich verstehen. Noch keine Bewertung &#8211; nur kl&#228;ren, was gemeint ist.</p><p>&#9995; <strong>Reaktionen h&#246;ren</strong> &#8211; Wir holen ein Meinungsbild ein: Wie geht es euch mit diesem Vorschlag?</p><p>&#128172; <strong>Einw&#228;nde sammeln</strong> &#8211; Jetzt werden Einw&#228;nde, Bedenken und Zweifel gesammelt. Jede Person nennt, was ihr einf&#228;llt.</p><p>&#128295; <strong>Einw&#228;nde integrieren</strong> &#8211; Wir gehen die Einw&#228;nde durch, einer nach dem anderen. Wie k&#246;nnen wir den Vorschlag besser machen?</p><p>&#9989; <strong>Entscheidung</strong> &#8211; Keine Einw&#228;nde mehr? Dann ist der Vorschlag angenommen. Bleibt ein schwerwiegender Einwand, kann blockiert werden. Manchmal verwenden wir zus&#228;tzlich eine Widerstandsabfrage.</p><p>&#8594; Mehr dazu: <a href="https://blog.konsent.berlin/2026/02/09/kurzanleitung-konsent">Kurzanleitung Konsent</a></p><div><hr></div><h2>Zeit verlieren &#8211; oder Zeit investieren?</h2><p>Ein wichtiger Grund f&#252;r dieses &#8222;zu kompliziert&#8221; ist die Sorge um Zeit: Dauert Konsent nicht zu lange?</p><p>Meine Antwort: Ja, es dauert &#8211; und das ist in Ordnung.</p><p>Denn jede Entscheidung kostet Zeit. Die Frage ist nicht, ob Zeit investiert wird, sondern ob bewusst w&#228;hrend der Entscheidung oder chaotisch danach, bei der Umsetzung.</p><p>Entweder wir nehmen uns vorher die Zeit, gut durchzureden. Oder wir verlieren Zeit w&#228;hrend der Umsetzung &#8211; weil es schief l&#228;uft, weil wir korrigieren m&#252;ssen, weil Frustration aufkommt. Da k&#246;nnen wir schon viel mehr Zeit verlieren als vorher beim Durchsprechen.</p><p>Und wenn wir noch viel mehr Zeit verlieren wollen &#8211; so richtig viel &#8211; dann diskutieren wir nicht mal w&#228;hrend der Umsetzung, sondern erst danach. Warum ist das schiefgelaufen? Was h&#228;tte besser sein k&#246;nnen? Und reagieren mit R&#252;ckzug, verdecktem Widerstand, Resignation.</p><p>Konsent braucht am Anfang mehr Langsamkeit, mehr Nachdenken, mehr Aushandlung. Es ist wie eine neue Sprache lernen. Wir sind zum verbalen Duellieren aufgewachsen und jetzt lernen wir Dialog. Das ist ein ziemlich krasser Perspektivwechsel, ein echter Kulturwandel. Das braucht Wochen, Monate, Jahre. Eine spannende und bunte Entdeckungsreise in die Welt des Dialogs &#8211; die bei mir pers&#246;nlich eigentlich noch l&#228;nger dauert als ein paar Jahre: Ein ganzes Leben lang h&#246;ren Lernen und Entdecken nicht auf!</p><p>Es braucht Zeit..., aber: Ein Schritt zur&#252;ck erm&#246;glicht oft zwei Schritte nach vorn. F&#252;r mich hei&#223;t das, Lernfreude zu entwickeln. Zu akzeptieren, dass am Anfang alles etwas holpriger ist. Wie bei jeder neuen Sprache, die wir Schritt f&#252;r Schritt lernen. Am Anfang sprechen wir wie Kinder, im Verlauf werden wird die Sprache mit uns erwachsen und selbstbewusst. Genauso verh&#228;lt es sich mit einer dialogischen Kultur. Sie w&#228;chst langsam und freudig.</p><div><hr></div><h2>Vom Duell zum Dialog</h2><p>Wir sind sozialisiert im Rededuell: Argumente durchsetzen, gewinnen oder verlieren, Recht haben. Das haben wir gelernt, das k&#246;nnen wir.</p><p>Konsent l&#228;dt ein in den Dialog: gemeinsam denken, gemeinsam tragen, gemeinsam verantwortlich sein. Wir schaffen das zusammen. Auf Augenh&#246;he.</p><p>Dialog ist kein &#8222;nett sein&#8221;. Dialog ist nicht die weichere Variante des Rededuells, sondern die komplexit&#228;tsf&#228;higere! Das Rededuell funktioniert bei einfachen Fragen mit klaren Antworten. Dialog ist notwendig bei komplexen, sozialen, widerspr&#252;chlichen Situationen &#8211; also genau dort, wo wir in der Sozialen Arbeit unterwegs sind.</p><p>Es geht nicht mehr darum, dass alle begeistert sind &#8211; denn das ist meistens eine Illusion. Es geht darum, dass niemand sagt: So geht das nicht. Einw&#228;nde werden nicht nur geh&#246;rt &#8211; sie sind ausdr&#252;cklich erw&#252;nscht. Im Konsent ist es geradezu eine Pflicht, Bedenken zu &#228;u&#223;ern. Denn Einw&#228;nde werden als Bereicherung verstanden: Sie machen Vorschl&#228;ge besser, decken blinde Flecken auf, bringen neue Perspektiven ein.</p><p>Das ist gelebte Dialog- und Fehlerkultur.</p><div><hr></div><h2>Person und Sache trennen</h2><p>Der Kern des Konsent-Prozesses ist f&#252;r mich die konsequente Entpersonalisierung. Das bedeutet:</p><p><strong>Spannung geh&#246;rt der Gruppe.</strong> Wenn ich eine Spannung benenne, gebe ich sie in die Gruppe. Ich muss nicht sagen &#8222;ich habe die Spannung&#8221;, sondern: &#8222;Wir bearbeiten sie.&#8221; Die Spannung wird ein Objekt &#8211; nicht meine Identit&#228;t. Weniger Schuld, weniger Rechtfertigung, mehr gemeinsames Denken.</p><p><strong>Vorschl&#228;ge sind keine Besitzanspr&#252;che.</strong> Wenn ich einen Vorschlag mache, ist er nicht mehr meiner. Ich nehme ein St&#252;ck Ego heraus; die Gruppe tr&#228;gt den Vorschlag weiter. Sobald er im Raum ist, geh&#246;rt er der Gruppe und darf ver&#228;ndert werden. Dadurch muss ich ihn weder verteidigen noch durchdr&#252;cken.</p><p><strong>Einw&#228;nde sind Ressourcen.</strong> Wenn ich einen Einwand formuliere, geh&#246;rt dieser Einwand ebenfalls der Gruppe. Ein Einwand ist keine St&#246;rung, sondern Information. Eine Chance, die Qualit&#228;t des Vorschlags zu erh&#246;hen. Der Wendepunkt: vom &#8222;dagegen sein&#8221; zum Beitrag zur Qualit&#228;t.</p><p>Das hei&#223;t nicht, dass Gef&#252;hle verschwinden. Sondern dass sie nicht mehr die Entscheidungslogik dominieren m&#252;ssen.</p><p>Dabei hilft mir das Vertrauen darauf, dass die Gruppe verantwortungsvoll mit Spannung, Vorschlag und Einwand umgeht. So kann ich Person und Sache trennen und gemeinsam L&#246;sungen entwickeln.</p><div><hr></div><h2>Widerstandsabfrage: Sicherheit statt Druck</h2><p>Die Widerstandsabfrage ist ein wichtiger Bestandteil des Konsent. Sie sorgt daf&#252;r, dass Einw&#228;nde sichtbar werden, ohne jemanden blo&#223;zustellen.</p><p>Es ist kein Abstimmen, kein Mehrheitsentscheid. Vielmehr eine Art Sicherheitscheck: Wo hakt es? Werden irgendwo rote Linien &#252;berschritten?</p><p>Drei einfache Handzeichen reichen aus, um sichtbar zu machen, wie gro&#223; der Widerstand gegen einen Vorschlag ist. Wichtig: Es geht nicht um Zustimmung im klassischen Sinn, sondern darum, ob es Einw&#228;nde gibt, die ernst genommen werden sollten.</p><p>&#9994; <strong>Faust</strong> &#8211; Zustimmung oder kein Einwand (0 Punkte)</p><p>&#9995; <strong>Eine Hand</strong> &#8211; Leichte bis mittlere Ablehnung (1 Punkt)</p><p>&#128588; <strong>Beide H&#228;nde</strong> &#8211; Deutliche Ablehnung (2 Punkte)</p><p>&#8594; Mehr dazu: <a href="https://blog.konsent.berlin/2026/02/09/kurzanleitung-widerstandsabfrage">Kurzanleitung Widerstandsabfrage</a></p><p>Was auf den ersten Blick kompliziert wirkt, ist oft genau das, was Entscheidungen leichter macht: Widerstand wird sichtbar, bevor er blockierend wirkt.</p><p>Die Widerstandsabfrage hat etwas Spielerisches. Man kann sie kreativ gestalten, anpassen, variieren. Und genau das macht Konsent aus: Wenn man in diesen spielerischen Prozess geht, kann es richtig begeistern. Die Widerstandsabfrage entsch&#228;rft Macht und l&#228;dt zur Ehrlichkeit ein. Wer bei 2 steht, hat etwas zu sagen. Und das darf geh&#246;rt werden.</p><div><hr></div><h2>Konsent als Haltung</h2><p>Konsent ist f&#252;r mich mehr als eine Methode &#8211; es ist eine Grundhaltung. Eine Art, mit Menschen zu sein. Auf Augenh&#246;he. Mit echtem Interesse an ihren Einw&#228;nden. Mit dem Vertrauen, dass wir gemeinsam zu besseren L&#246;sungen kommen.</p><p>Man muss den Prozess nicht starr durchspielen. Wie beim Sprechen: Man folgt nicht immer der Grammatik und spricht trotzdem. Am Anfang ist es holprig, sp&#228;ter wird es fl&#252;ssiger.</p><p>Diese Haltung bedeutet: Spannungen d&#252;rfen da sein. Vorschl&#228;ge d&#252;rfen unfertig sein. Einw&#228;nde sind willkommen.</p><p>Identit&#228;t entsteht, wenn ich einen Vorschlag formuliere &#8211; eine eigene Stimme, ein Standpunkt. Sinn entwickelt sich, wenn wir gemeinsam aushandeln. Und wenn wir eine Entscheidung treffen oder einen Vorschlag blockieren, ist das kein Sieg und keine Niederlage &#8211; sondern ein gemeinsamer Schritt nach vorn.</p><p>Wichtig dabei: Einen Vorschlag blockieren ist nur mit gut benannten Gr&#252;nden m&#246;glich. Nicht &#8222;ich hab keinen Bock drauf&#8221; oder &#8222;ich find das bl&#246;d&#8221;. Sondern: Der Vorschlag widerspricht geltendem Recht, bestehenden Vertr&#228;gen, dem Hilfeplan, &#252;bergeordneten Anordnungen oder grundlegenden fachlichen Standards. Ein Block braucht Begr&#252;ndung &#8211; und diese Begr&#252;ndung muss nachvollziehbar und schwerwiegend sein.</p><p>Konsent ist ein Kulturwandel: eine neue Sprache der Zusammenarbeit. Konsent irritiert dort, wo Macht bisher unbenannt geblieben ist.</p><div><hr></div><h2>Vertrauen lernen</h2><p>Konsent ist nicht kompliziert. Konsent ist ungewohnt.</p><p>Ich lade ein: Vertrauen in den Prozess. Vertrauen in die Gruppe. Vertrauen in sich selbst. Vertrauen in die Themen, die uns besch&#228;ftigen. Vertrauen in Spannungen und Vorschl&#228;ge, in Einw&#228;nde und Entscheidungen.</p><p>Vielleicht ist &#8222;zu kompliziert&#8221; nicht das Problem &#8211; sondern der Hinweis darauf, dass wir es mit echter Komplexit&#228;t zu tun haben. Komplexit&#228;t, die sich nicht wegdiskutieren l&#228;sst. Aber gemeinsam bearbeiten.</p><p>Und vielleicht geht es gar nicht darum, ob Konsent einfach ist. Was ist schon einfach im Leben? Sondern darum, ob wir Lust darauf haben, Dialog zu lernen.</p><div><hr></div><p><em>Autor: Joel Roerick</em></p><p><em>Creative Commons Zero 1.0 (Public Domain Dedication).</em></p><div><hr></div><p>Ver&#246;ffentlicht am 2026-03-05 auf <a href="https://blog.joelroerick.com/2026/03/zu-kompliziert">blog.joelroerick.com</a></p>]]></content:encoded></item><item><title><![CDATA[Von Schuschan nach Teheran]]></title><description><![CDATA[Purim als Fest der kulturellen Vielfalt]]></description><link>https://joelroerick.substack.com/p/von-schuschan-nach-teheran</link><guid isPermaLink="false">https://joelroerick.substack.com/p/von-schuschan-nach-teheran</guid><dc:creator><![CDATA[Joel Roerick]]></dc:creator><pubDate>Mon, 02 Mar 2026 09:37:55 GMT</pubDate><enclosure url="https://substackcdn.com/image/fetch/$s_!5Q0d!,w_256,c_limit,f_auto,q_auto:good,fl_progressive:steep/https%3A%2F%2Fsubstack-post-media.s3.amazonaws.com%2Fpublic%2Fimages%2F9e178f71-f8fe-4c07-a5a1-b090110f6b2a_1080x1080.png" length="0" type="image/jpeg"/><content:encoded><![CDATA[<p>Vor 2.500 Jahren: Schuschan, die Hauptstadt des Persischen Reichs. Heute: Teheran, die Hauptstadt der Islamischen Republik Iran. Dazwischen: dieselbe Frage. Darf Verschiedenheit bestehen &#8211; oder wird sie vernichtet?</p><p>In Schuschan plant ein Mann die Ausl&#246;schung der persischen J&#252;dinnen und Juden &#8211; weil sie anders sind als die Mehrheitsbev&#246;lkerung. Eine Frau verhindert es. Nicht durch ein Wunder. Sondern durch politisches Handeln. Ihr Name ist Esther, sie ist J&#252;din und in die persische Mehrheitsgesellschaft integriert. Ihre Geschichte steht in der Megillat Esther, dem Buch Esther. Am 14. Adar &#8211; in diesem Jahr am Abend des 2. M&#228;rz &#8211; wird sie in Synagogen weltweit laut vorgelesen: mit L&#228;rm, Verkleidung und einer Ausgelassenheit, die in der j&#252;dischen Tradition sonst selten ist. Das Fest hei&#223;t Purim.</p><div class="subscription-widget-wrap-editor" data-attrs="{&quot;url&quot;:&quot;https://joelroerick.substack.com/subscribe?&quot;,&quot;text&quot;:&quot;Subscribe&quot;,&quot;language&quot;:&quot;en&quot;}" data-component-name="SubscribeWidgetToDOM"><div class="subscription-widget show-subscribe"><div class="preamble"><p class="cta-caption">Thanks for reading! Subscribe for free to receive new posts and support my work.</p></div><form class="subscription-widget-subscribe"><input type="email" class="email-input" name="email" placeholder="Type your email&#8230;" tabindex="-1"><input type="submit" class="button primary" value="Subscribe"><div class="fake-input-wrapper"><div class="fake-input"></div><div class="fake-button"></div></div></form></div></div><p>Aber Purim ist mehr als eine laute Party. Wer genau liest, findet eine politische Erz&#228;hlung, die bis heute reicht &#8211; bis Teheran und weit dar&#252;ber hinaus. &#220;berall dort, wo Staaten Uniformit&#228;t erzwingen, steht Pluralit&#228;t auf dem Spiel. Die Megillah erz&#228;hlt davon. Und die Gegenwart auch.</p><h2><strong>Was auf dem Spiel steht</strong></h2><p>Esther rettet nicht einfach ihr Volk. Sie rettet etwas Gr&#246;&#223;eres: die M&#246;glichkeit, dass Menschen verschiedener Sprachen, Kulturen und Religionen im selben Reich existieren k&#246;nnen.</p><p>Das Persische Reich jener Zeit ist keine Monokultur. Esther bewegt sich darin als J&#252;din und als K&#246;nigin &#8211; zwei Loyalit&#228;ten, die sich reiben. Und zugleich ein Potenzial f&#252;r gesellschaftliche Ver&#228;nderung in sich tragen.</p><p>Haman, der Widersacher Esthers, will nicht nur das j&#252;dische Volk vernichten. Es will das Prinzip vernichten, dass Verschiedenheit nebeneinander bestehen darf. Die Megillah macht das explizit: Haman beschreibt dem K&#246;nig ein Volk, zerstreut und abgesondert unter den V&#246;lkern, dessen Gesetze verschieden sind von denen jedes anderen Volkes &#8211; und die Gesetze des K&#246;nigs befolgen sie nicht (Esther 3,8). Was ihn st&#246;rt, ist nicht das Judentum als Religion. Es ist die Differenz selbst. Die Existenz von Menschen, die andere Gesetze haben und trotzdem Teil des Ganzen sind. Und der rhetorische Trick: Differenz wird zur Illoyalit&#228;t umgedeutet. Haman will Uniformit&#228;t. Ein Reich, eine Ordnung, kein Raum f&#252;r Abweichung.</p><p>Was Esther rettet, ist genau das Gegenteil: das Recht auf Anderssein. Und die Art, wie sie es rettet, ist bemerkenswert. G&#8220;tt kommt im Buch Esther nicht vor &#8211; kein Wunder, kein Eingreifen von oben. Was stattdessen geschieht, ist politisches Handeln unter Risiko. Esther verhandelt, kalkuliert, setzt wagemutig ihren K&#246;rper und ihre Position ein. Pluralit&#228;t wird hier nicht garantiert. Sie wird erk&#228;mpft.</p><h2><strong>Wozu Revolution?</strong></h2><p>Purim feiert eine Revolution. Wer vernichtet werden sollte, &#252;berlebt. Wer vernichten wollte, f&#228;llt. Die Struktur ist revolution&#228;r im w&#246;rtlichen Sinn: ein vollst&#228;ndiger Umsturz der Machtverh&#228;ltnisse.</p><p>Aber die Pointe der Megillah ist, dass ein Umsturz nicht das Ziel ist. Haman f&#228;llt &#8211; gut. Doch was danach z&#228;hlt, ist nicht der Sturz. Sondern dass danach ein Raum existiert, in dem Verschiedenheit weiter m&#246;glich ist. Die Juden im Persischen Reich werden nicht zu Herrschern. Sie werden nicht zur Mehrheit. Sie k&#246;nnen bleiben &#8211; als das, was sie sind.</p><p>Die Megillah erz&#228;hlt keine Macht&#252;bernahme. Sie erz&#228;hlt die Rettung eines Prinzips. Revolution ist nicht Selbstzweck. Sie ist das Mittel &#8211; die notwendige Revolution, damit Pluralit&#228;t wieder m&#246;glich wird.</p><h2><strong>Damals, heute und &#252;berall</strong></h2><p>Dieses Persien gibt es noch. Als Islamische Republik Iran. Ein Vielv&#246;lkerstaat, in dem rund 75 Sprachen gesprochen werden und fast die H&#228;lfte der Bev&#246;lkerung einer nicht-persischen Ethnie angeh&#246;rt: Aserbaidschaner, Kurden, Araber, Belutschen, Luren, Turkmenen, Gilaker, Mazandaraner. Wo Schiiten, Sunniten, Bah&#225;&#8217;&#237;, Christen, Zoroastrier, Juden, Sufis, Yarsani und Mand&#228;er leben. Wo einige Tausend J&#252;dinnen und Juden politisch unsichtbar gehalten werden, zur &#246;ffentlichen Loyalit&#228;t verpflichtet, offiziell von Israel getrennt &#8211; aber eben nicht allein in ihrer Gef&#228;hrdung. Die Pluralit&#228;t, die Haman vernichten wollte, existiert heute noch. In Dutzenden Sprachen, Religionen und Lebensformen. Unter Druck, reguliert, eingeschr&#228;nkt &#8211; aber sie wartet. Und sie wartet auch hier auf eine Revolution. Auf einen Sturz des brutalen Mulllah-Regimes.</p><p>Doch worum geht es dabei? Geht es um einen Umsturz, in dem ein neuer Herrscher die Macht ergreift? <a href="https://www.instagram.com/donja.hodaie">Donja Hodaie</a> brachte es am 18. Februar im Bajszel auf den Punkt, im <a href="https://www.instagram.com/salon_sassy_susy">Salon Sassy Susy</a>: Es sollte nicht darum gehen, wer im Iran an der Macht ist. Herrscher k&#246;nnen fallen. Es sollte vielmehr um Werte gehen. Denn: Was tr&#228;gt, sind Werte: Pluralit&#228;t. Demokratie.</p><p>Dieser Gedanke k&#246;nnte direkt aus der Megillah kommen. Revolution ist kein Selbstzweck. Sie ist nur so viel wert wie die Werte, die danach gelten. Und die Megillah sagt, 2.500 Jahre vor jeder modernen Demokratietheorie: Der Wert, der gelten muss, ist das Recht auf Verschiedenheit.</p><p>Purim erinnert daran. Nicht als nostalgische Erz&#228;hlung, sondern als politische These: Dass Pluralit&#228;t kein Zugest&#228;ndnis ist, sondern ein Menschenrecht. Und dass sie immer wieder neu erk&#228;mpft werden muss &#8211; mit K&#246;rper und Kalk&#252;l, ohne Garantie von oben.</p><h2><strong>Pluralit&#228;t unter Druck</strong></h2><p>Was die Megillah vor 2.500 Jahren erz&#228;hlt &#8211; dass Verschiedenheit jederzeit zur Bedrohung umgedeutet werden kann &#8211;, diskutiert <a href="https://www.instagram.com/donja.hodaie">Donja Hodaie</a> in verschiedenen Texten zu der Situation in der heutigen Islamischen Republik Iran:</p><p>&#220;ber j&#252;disches Leben zwischen formaler Anerkennung und erzwungener Unsichtbarkeit.<br>&#8594; Hodaie, D. (o.J.). <em>Das Judentum in der Islamischen Republik Iran</em>. EDA Magazin. <a href="https://edamagazin.de/das-judentum-in-der-islamischen-republik-iran/">https://edamagazin.de/das-judentum-in-der-islamischen-republik-iran/</a></p><p>Warum Kurden der iranischen Opposition misstrauen &#8211; und was &#8222;ethnische Pluralit&#228;t&#8221; im Zentralstaat bedeutet.<br>&#8594; Hodaie, D. (2026, 12. Februar). <em>Misstrauen und Widerstand: Warum Kurden im Iran Teilen der Opposition misstrauen.</em> jungle.world. <a href="https://jungle.world/artikel/2026/07/kurden-iran-opposition-misstrauen-und-widerstand">https://jungle.world/artikel/2026/07/kurden-iran-opposition-misstrauen-und-widerstand</a></p><p>&#220;ber den widerspr&#252;chlichen Umgang mit Trans-Personen im Mullah-Regime.<br>&#8594; Hodaie, D. (2025). Der Umgang der Theokratie Iran mit trans Personen. In C. Leder &amp; T. Sara&#231; (Hrsg.), <em>Liebe ist halal</em> (S. 118&#8211;143). Querverlag.</p><p>Die Muster, die Donja Hodaie hier beschreibt, reichen weit &#252;ber den Iran hinaus: &#220;berall dort, wo Staaten, Gesellschaften und Kulturen Uniformit&#228;t erzwingen, wird Pluralit&#228;t zur &#220;berlebensfrage &#8211; f&#252;r J&#252;d:innen, f&#252;r Kurd:innen, f&#252;r queere Menschen, f&#252;r jede Minderheit. Und letztlich f&#252;r alle, die frei leben wollen.</p><div><hr></div><p>Ver&#246;ffentlicht am 2026-03-01 auf <a href="https://blog.joelroerick.com/2026/03/purim">blog.joelroerick.com</a></p><div class="subscription-widget-wrap-editor" data-attrs="{&quot;url&quot;:&quot;https://joelroerick.substack.com/subscribe?&quot;,&quot;text&quot;:&quot;Subscribe&quot;,&quot;language&quot;:&quot;en&quot;}" data-component-name="SubscribeWidgetToDOM"><div class="subscription-widget show-subscribe"><div class="preamble"><p class="cta-caption">Thanks for reading! Subscribe for free to receive new posts and support my work.</p></div><form class="subscription-widget-subscribe"><input type="email" class="email-input" name="email" placeholder="Type your email&#8230;" tabindex="-1"><input type="submit" class="button primary" value="Subscribe"><div class="fake-input-wrapper"><div class="fake-input"></div><div class="fake-button"></div></div></form></div></div>]]></content:encoded></item><item><title><![CDATA[Konsent in der Sozialen Arbeit – eine persönliche Einführung ]]></title><description><![CDATA[Eine Methode, die mein Arbeiten ver&#228;ndert hat. Und der Weg dorthin. Dieser Text erz&#228;hlt beides.]]></description><link>https://joelroerick.substack.com/p/konsent-in-der-sozialen-arbeit</link><guid isPermaLink="false">https://joelroerick.substack.com/p/konsent-in-der-sozialen-arbeit</guid><dc:creator><![CDATA[Joel Roerick]]></dc:creator><pubDate>Sat, 28 Feb 2026 20:57:56 GMT</pubDate><enclosure url="https://substackcdn.com/image/fetch/$s_!5Q0d!,w_256,c_limit,f_auto,q_auto:good,fl_progressive:steep/https%3A%2F%2Fsubstack-post-media.s3.amazonaws.com%2Fpublic%2Fimages%2F9e178f71-f8fe-4c07-a5a1-b090110f6b2a_1080x1080.png" length="0" type="image/jpeg"/><content:encoded><![CDATA[<h2><strong>Wie funktioniert Konsent?</strong></h2><p>Konsent schreibt sich mit &#8220;t&#8221; am Ende. Konsent und nicht Konsens. Wie auch Konsens ist Konsent eine Methode der Entscheidungsfindung. Allerdings ist Konsent deutlich strukturierter als Konsens.</p><p>Das Prinzip: Wir diskutieren nicht wild drauf los. Wir dr&#252;cken nicht unsere eigene Meinung durch. Wir benennen stattdessen ein Problem oder eine Spannung. Wir machen - darauf aufbauend - einen Vorschlag. Alle Beteiligten k&#246;nnen daraufhin Bedenken &#228;u&#223;ern. Bedenken werden gemeinsam integriert. Das hei&#223;t: Der Vorschlag ist nachher besser als am Anfang. Jede:r tr&#228;gt zur Verbesserung bei.</p><p>Das Ergebnis muss nicht perfekt sein. Es muss so gut sein, dass alle damit leben k&#246;nnen.</p><p>Der Unterschied zu Konsens klingt klein, ist aber gro&#223;:<br>Konsens fragt: Sind alle daf&#252;r?<br>Konsent fragt: Hat jemand einen schwerwiegenden Einwand?</p><p>Das ver&#228;ndert alles. Es geht nicht mehr darum, dass alle begeistert sind. Denn das ist meistens eine Illusion. Es geht darum, dass niemand sagt: So geht das nicht. Einw&#228;nde werden nicht nur geh&#246;rt &#8211; sie sind ausdr&#252;cklich erw&#252;nscht. Im Konsent ist es geradezu eine Pflicht, Bedenken zu &#228;u&#223;ern. Denn Einw&#228;nde werden als Bereicherung verstanden: Sie machen Vorschl&#228;ge besser, decken blinde Flecken auf, bringen neue Perspektiven ein. Das ist gelebte Dialog- und Fehlerkultur. Und wenn es am Ende keine schwerwiegenden Einw&#228;nde gibt, legen wir mit der Umsetzung los.</p><p>Was aber, wenn ein Einwand sich nicht aufl&#246;sen l&#228;sst? Dann gibt es verschiedene Wege: Der Vorschlag wird blockiert, das Thema vertagt, oder jemand tritt zur Seite. Aber: Nicht jeder Einwand blockiert automatisch. Und nicht jeder Vorschlag geht durch, nur weil kein Gegenargument kommt. Beides muss begr&#252;ndet sein &#8211; etwa mit Blick auf Gesetzeslage, fachliche Standards oder h&#246;her gewichtete Vereinbarungen. Es bleibt eine Grauzone. Am Ende gibt es manchmal Tr&#228;nen. Konsent verringert die Zahl der Verlierer:innen drastisch. Aber es gibt sie &#8211; wie bei jeder Entscheidungsfindung. Der Unterschied: Der Weg zur Entscheidung ist so transparent, wie er kaum transparenter sein kann.</p><div><hr></div><h2><strong>30 Jahre hierarchiefreie Gruppen</strong></h2><p>Seit mehr als 30 Jahren bewege ich mich in hierarchiefreien Gruppen - privat und beruflich. Das klingt nach einem Programm, aber es war keins. Es hat sich so ergeben.</p><p>Angefangen hat es in der kritischen Stadtentwicklungsszene in Berlin, in den Neunzigern. Da war klar: Alles l&#228;uft auf Konsens. Niemand entscheidet &#252;ber andere. Jede Stimme z&#228;hlt. Das klang gut, aber ich hatte immer ein Problem damit. Konsens f&#252;hrte zu endlosen Diskussionen. Und am Ende entstanden Schattenstrukturen &#8211; informelle Macht, die niemand benennen durfte.</p><p>Parallel arbeitete ich damals f&#252;r ein international renommiertes kreatives Unternehmen, das in dieser Zeit stark wuchs. Ein Ort unglaublicher Energie. Praktisch ohne formelle Hierarchien, alles auf verdecktem Konsens. Aber auch hier: Langfristig ging das zur&#252;ck in hierarchische Strukturen &#8211; weil es organisatorisch notwendig schien, um gut zu arbeiten.</p><p>Ich habe sp&#228;ter knapp ein Jahr in Auroville gelebt, dieser internationalen Gemeinschaft in S&#252;dindien, die laut ihrer Charta &#8222;der gesamten Menschheit geh&#246;rt&#8221;. Tausende Mitglieder, die alles im Konsens entscheiden wollen. Ich bin tief eingestiegen &#8211; und habe die Schattenstrukturen analysiert: wer wirklich was zu sagen hat. Es war kompliziert. Sehr kompliziert.</p><div><hr></div><h2><strong>Erste Versuche</strong></h2><p>Irgendwann lernte ich Konsent kennen. Nicht Konsens &#8211; Konsent.</p><p>Ich erlebte das zum ersten Mal in einer wilden und bunten intentionalen Gemeinschaft in Israel, in der ich lebte. Eine Gruppe, die extrem altersdivers war, extrem interessensdivers, mit v&#246;llig unterschiedlichen kulturellen und sozialen Hintergr&#252;nden. Mit Konsens w&#228;ren wir nie zusammengekommen. Mit Konsent funktionierte es.</p><p>Doch Konsent funktioniert nicht automatisch. In Mailand habe ich erlebt, was passiert, wenn die Grundlage fehlt: Ich war Teil eines Projekts f&#252;r solidarische Landwirtschaft, bei dem zwei von uns Konsent wollten &#8211; und die anderen nur zustimmten, weil sie dachten, sie k&#246;nnten dadurch Kontrolle behalten. Das Projekt ist spektakul&#228;r gescheitert. Die Gruppe zerbrach.</p><p>Was also braucht Konsent, damit es l&#228;uft? Eine echte Grundvereinbarung: Wir wollen das, weil wir es wirklich wollen &#8211; nicht, um damit etwas anderes zu bezwecken. Keine versteckten Agenden, sondern offene Karten. Und &#220;bung. Konsent ist Handwerkszeug, das gelernt werden will. Das ist kein Schalter, den man umlegt &#8211; es ist ein Prozess, der Jahre dauern kann.</p><div><hr></div><h2><strong>Das Prinzip ist uralt</strong></h2><p>R&#252;ckblickend erkenne ich: Das Prinzip ist uralt.</p><p>In meinem Studium angewandter j&#252;discher Sozialethik in Jerusalem vertiefte ich, was ich aus dem Talmud-Studium bereits kannte: &#1495;&#1489;&#1512;&#1493;&#1514;&#1488; <em>Chavruta</em> &#8211; zu zweit lernen, im Streitgespr&#228;ch, auf Augenh&#246;he. &#1502;&#1495;&#1500;&#1493;&#1511;&#1514; <em>Machloket</em> &#8211; wohlwollendes Streiten, um sich gegenseitig zu verbessern. Ganz genau wie die gemeinsame Arbeit an Spannungen und Vorschl&#228;gen im Konsent-Prozess, um am Ende gemeinsam auf ein besseres Ergebnis hinzuarbeiten als eine Person alleine es geschafft h&#228;tte. Dazu geh&#246;ren auch Reibungen, wohlwollendes Streiten.</p><p><em>Machloket</em> bedeutet w&#246;rtlich &#8222;Auseinanderlegung&#8221;. Kein destruktiver Streit, sondern eine produktive Form der Wahrheitsfindung. Wahrheit zeigt sich im begr&#252;ndeten Gegen&#252;ber unterschiedlicher Positionen. Beide Meinungen k&#246;nnen g&#252;ltig sein &#8211; und trotzdem wird am Ende praktisch entschieden. Pluralit&#228;t bedeutet nicht Beliebigkeit, sondern Verbindlichkeit. Im Konsent-Prozess hei&#223;t das auch, dass es durchaus mehrere richtige L&#246;sungen f&#252;r ein Problem geben kann. Es geht &#8211; wie in der Machloket &#8211; nicht darum, herauszufinden, welche L&#246;sung &#8222;richtiger&#8221; ist, sondern einen m&#246;glichen und gangbaren Weg umzusetzen und gemeinsam zu verbessern.</p><p><em>Chavruta</em> und <em>Machloket</em>, die Prinzipien wohlwollenden Streitens auf Augenh&#246;he, reichen bis in die biblischen Texte zur&#252;ck: Widerspruch, Einwand, Dialog auf Augenh&#246;he &#8211; egal wo man hinschaut. Schon der Turmbau zu Babel erz&#228;hlt &#8211; zumindest in j&#252;discher Auslegung &#8211; nicht von Sprachverwirrung, sondern davon, dass es keine eine Sprache geben soll, keine Deutungshoheit &#8211; sondern Vielstimmigkeit. Etwas Uraltes, Allgemeing&#252;ltiges. Im Kern ist das Konsent. Konsent ist v&#246;llig eigenst&#228;ndig entstanden. Aber vielleicht greifen beide auf dasselbe Prinzip zur&#252;ck: Einw&#228;nde sind kein Angriff, sondern Beitrag. Widerspruch ist kein Problem, sondern Methode. Und am Ende steht eine pragmatische Entscheidung, die meistens alle mittragen k&#246;nnen.</p><div><hr></div><h2><strong>Konsent in der Sozialen Arbeit</strong></h2><p>Mein Weg in die Soziale Arbeit f&#252;hrte &#252;ber verschiedene Stationen: Ausbildung gef&#228;hrdeter junger Erwachsener, Soziale Landwirtschaft, therapeutische G&#228;rtnerei. Heute arbeite ich im intensiv betreuten Wohnen in der Bezugsbegleitung von Menschen mit psychiatrischen Diagnosen. Dabei setze ich im Berufsalltag bewusst auf Konsent als Haltung und Entscheidungsmethode.</p><p>Als ich 2016 die Leitung einer therapeutischen G&#228;rtnerei &#252;bernahm, wurde mir schnell klar: Die G&#228;rtnerei war zur Auffangstation f&#252;r alle geworden, die anderswo nicht mehr tragbar waren. Menschen mit Lernbehinderungen und psychiatrischen Diagnosen, die wegen extremer Verhaltensauff&#228;lligkeiten aus anderen Einrichtungen geflogen waren. Sogenannte Systemsprenger:innen. &#220;ber drei Jahre habe ich dort Konsent konsequent implementiert.</p><p>J. zum Beispiel. Er hatte immer f&#252;r sich alleine gearbeitet, war innerhalb der Organisation &#252;ber Jahrzehnte gewisserma&#223;en &#8222;freiberuflich&#8221; unterwegs, mit unverbindlichen Arbeitsauftr&#228;gen hier und da. Aber in Werkst&#228;tten mit anderen Menschen? Das wollte er vehement nicht. Konflikte mit der Leitung. Gewaltsame Auseinandersetzungen mit Kolleg:innen. Er galt als nicht integrierbar. Dann kam er auf seinen eigenen Wunsch hin in unsere G&#228;rtnerei, in der jede Arbeitsanweisung ein Vorschlag war. Und es lief von Anfang an. Mit vollem Konsent. Nach ein, zwei Jahren sagte er zu einem meiner Vorschl&#228;ge &#8211; mit seinem breiten britischen Akzent, jedes Wort klar prononciert: &#8222;I don&#8217;t have any concerns.&#8221;</p><p><em>Concerns</em> &#8211; Bedenken/Einw&#228;nde. Ein Kernbegriff im Konsent: Wer Einw&#228;nde hat, benennt sie. Wer keine hat, gibt den Weg frei. J. hatte dieses Wort bislang nie benutzt &#8211; es lag v&#246;llig au&#223;erhalb seines &#252;blichen Wortschatzes. Aber er wusste genau, was er sagte. Trotz seiner Lernbehinderung hatte er das Prinzip verstanden: Wenn ich Bedenken habe, kann ich sie nennen und wir handeln eine L&#246;sung aus. Wenn nicht, machen wir weiter.</p><p>Das war der Moment, in dem ich wusste: Das funktioniert. Insbesondere mit Menschen, die als schwierig gelten. Radikal auf Augenh&#246;he.</p><div><hr></div><h2><strong>Methode und Haltung</strong></h2><p>Konsent ist f&#252;r mich mehr als eine Methode &#8211; es ist eine Grundhaltung. Eine Philosophie, wenn man so will.</p><p><strong>Konsent ist eine Methode.</strong> F&#252;nf Schritte, die man in f&#252;nf Minuten erkl&#228;ren kann: Spannung benennen. Vorschlag machen. Verst&#228;ndnisfragen kl&#228;ren. Reaktionen h&#246;ren. Einw&#228;nde integrieren.</p><p><strong>Aber vor allem ist Konsent eine Haltung.</strong> Eine Art, mit Menschen zu sein. Auf Augenh&#246;he. Mit echtem Interesse an ihren Einw&#228;nden. Mit dem Vertrauen, dass wir gemeinsam zu besseren L&#246;sungen kommen.</p><p>Beides bei mir zu vertiefen und an andere weiterzugeben &#8211; Methode und Haltung &#8211; daran arbeite ich.</p><div><hr></div><p>2020 habe ich im Rahmen eines ICF-Projekts dreier gro&#223;er freier Tr&#228;ger der Eingliederungshilfe in Berlin die Konsent-Methode als <a href="https://icf-mobil.berlin/auf-augenhoehe-entscheiden/">&#8222;Auf Augenh&#246;he entscheiden&#8221;</a> eingebracht. Aus der &#220;berzeugung, dass Arbeit auf Augenh&#246;he m&#246;glich ist &#8211; und aus der Erfahrung, dass sie alles andere als einfach ist. Auf Augenh&#246;he zu arbeiten ist ein Ideal &#8211; und ein Lernprozess. Auch f&#252;r mich. Genau deshalb habe ich 2024 <a href="https://konsent.berlin/">konsent.berlin</a> gegr&#252;ndet: um Lernr&#228;ume zu schaffen, in denen wir das gemeinsam &#252;ben k&#246;nnen. Im Rahmen von konsent.berlin bin ich freiberuflich als Trainer f&#252;r achtsame dialogische Praxis und einen akzeptierenden, ressourcenorientierten Umgang mit Krisen und herausforderndem Verhalten aktiv.</p><div><hr></div><p>Dieser Text ist der Auftakt zu einer losen Reihe. In den kommenden Monaten werde ich hier immer wieder &#252;ber Konsent in der Sozialen Arbeit schreiben &#8211; aus verschiedenen Perspektiven, mit verschiedenen Schwerpunkten. Es sind keine Kapitel, die man der Reihe nach liest. Es sind Spotlights. Einblicke. Jeder Text f&#252;r sich.</p><p>Ich lade ein, mitzulesen. Mitzudenken. Und vielleicht: Es einfach mal auszuprobieren.</p><div><hr></div><p>Autor: Joel Roerick</p><p>Creative Commons Zero 1.0 (Public Domain Dedication).</p><div><hr></div><p>Roerick, J. (2022). <em>Konsent-Entscheidungsfindung in der Sozialen Arbeit</em> [Working Paper, Alice-Salomon-Hochschule Berlin]. Zenodo. <a href="https://doi.org/10.5281/zenodo.20405958">https://doi.org/10.5281/zenodo.20405958</a></p><div><hr></div><p>Ver&#246;ffentlicht am 2026-02-03 auf <a href="https://blog.joelroerick.com/2026/02/konsent-in-der-sozialen-arbeit">blog.joelroerick.com</a><br>Ge&#228;ndert am 2026-02-15</p>]]></content:encoded></item><item><title><![CDATA[Erinnerung, nicht Innovation]]></title><description><![CDATA[Rede zur Verleihung des Innovationspreises der Alice Salomon Hochschule am 13.11.2025]]></description><link>https://joelroerick.substack.com/p/erinnerung-nicht-innovation</link><guid isPermaLink="false">https://joelroerick.substack.com/p/erinnerung-nicht-innovation</guid><dc:creator><![CDATA[Joel Roerick]]></dc:creator><pubDate>Thu, 29 Jan 2026 09:40:00 GMT</pubDate><enclosure url="https://substackcdn.com/image/fetch/$s_!5Q0d!,w_256,c_limit,f_auto,q_auto:good,fl_progressive:steep/https%3A%2F%2Fsubstack-post-media.s3.amazonaws.com%2Fpublic%2Fimages%2F9e178f71-f8fe-4c07-a5a1-b090110f6b2a_1080x1080.png" length="0" type="image/jpeg"/><content:encoded><![CDATA[<p>Ich stehe hier, um einen Innovationspreis f&#252;r meine Arbeit &#8222;Zwischen Krise und Kontinuit&#228;t &#8211; konzeptionelle &#220;berlegungen zur Implementierung des Recovery-Ansatzes in der Eingliederungshilfe&#8221; entgegenzunehmen.</p><p>Doch ich m&#246;chte heute weder &#252;ber die Arbeit selbst noch &#252;ber das Innovationspotenzial von Recovery sprechen, sondern dar&#252;ber, was die Soziale Arbeit h&#228;tte werden k&#246;nnen, w&#228;re 1933 nicht dazwischengekommen. Und was der Recovery-Ansatz mit den Anf&#228;ngen der Profession der Sozialen Arbeit vor 1933 zu tun hat.</p><div><hr></div><h2><strong>Der Recovery-Ansatz</strong></h2><p>Zun&#228;chst einmal kurz zum Recovery-Ansatz. Recovery hei&#223;t: Menschen nach psychischen Krisen so zu unterst&#252;tzen, dass sie wieder Hoffnung, Selbstbestimmung, Teilhabe und Sinn erleben k&#246;nnen &#8211; unabh&#228;ngig von Diagnose, Chronizit&#228;t oder Einschr&#228;nkungen. Es ist ein menschenrechtsbasierter Ansatz, der vor allen Dingen in der englischsprachigen Welt nicht nur in der Praxis, sondern als politische Leitlinie f&#252;r die Gemeindepsychiatrie etabliert ist. Nicht so in Deutschland.</p><p>&#220;bersetzt hei&#223;t Recovery Genesung. Doch das Verst&#228;ndnis von Genesung im Recovery-Ansatz stellt einen Paradigmenwechsel dar, von einem klinischen hin zu einem individuellen, teilhabeorientierten Verst&#228;ndnis von Genesung:</p><p>Das traditionelle Verst&#228;ndnis bzw. die &#8222;klinische Genesung&#8221; zielt auf Symptomfreiheit und die Wiederherstellung von Funktionsf&#228;higkeit. Fachleute bestimmen den Genesungsprozess und entscheiden, welche Kriterien vorliegen m&#252;ssen, damit er abgeschlossen ist. Eine oftmals stigmatisierende Diagnose steht im Mittelpunkt, Behandlungen sind f&#252;r Betroffene h&#228;ufig nicht nachvollziehbar. Zudem ist die Evidenz vieler Therapien und bei vielen Psychopharmaka begrenzt oder umstritten.</p><p>Der Recovery-Ansatz setzt dem ein Modell individueller Genesung entgegen: ein zutiefst pers&#246;nlicher Prozess, der von den Betroffenen selbst gestaltet wird. Sie sind Expert:innen in eigener Sache. Fachkr&#228;fte und Peers begleiten sie in ihrer Genesung. Sie sind einfach f&#252;r sie da, unterst&#252;tzen sie in praktischen Angelegenheiten oder coachen auf Augenh&#246;he. Betroffene finden zu eigenem Sinn und Selbstbestimmung. Der Schl&#252;ssel ist Ressourcenst&#228;rkung, das Ziel: so gut wie m&#246;glich leben &#8211; trotz alledem. Modellbildungen sind nachvollziehbar und handlungsorientiert. Die Wirksamkeit ist durch zahlreiche Studien wissenschaftlich erwiesen.</p><p>Das Bundesteilhabegesetz (BTHG) kommt in seinen Intentionen dem Recovery-Ansatz nahe, verfehlt in der Praxis aber bisher vielfach, die Rechte von Menschen mit Behinderungen und psychischen Erkrankungen nachhaltig zu verbessern. Der Recovery-Ansatz k&#246;nnte die L&#252;cke f&#252;llen, wie eine menschenrechtsbasierte Gemeindepsychiatrie im Sinne der Intentionen des BTHG handlungsorientiert und praxisnah aussehen k&#246;nnte.</p><p>Meine Arbeit untersucht, wie wir diesen Ansatz in der Eingliederungshilfe f&#252;r Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen verankern k&#246;nnen &#8211; zwischen Krise und Kontinuit&#228;t.</p><div><hr></div><h2><strong>Die kulturelle Frage</strong></h2><p>Doch ich fasse an dieser Stelle den Ansatz weiter: als ein m&#246;gliches Grundmodell der Sozialen Arbeit, in der wir Menschen unterst&#252;tzen, ein Leben nach ihren W&#252;nschen zu leben.</p><p>Mit diesem weit gefassten Verst&#228;ndnis m&#246;chte ich die kulturelle Frage stellen, warum der Recovery-Ansatz in Deutschland so wenig Beachtung findet. Damit gehe ich indirekt auch der Frage nach, warum die BTHG-Umsetzung so hilf- und hoffnungslos wirkt.</p><p>Meine These: Recovery reaktiviert verdr&#228;ngte Wurzeln der Profession der Sozialen Arbeit in Deutschland. Das macht den Recovery-Ansatz auch so spannend: Er kn&#252;pft an die fr&#252;hen Ideale der modernen Sozialen Arbeit an. Er ist damit Erinnerung und nicht Innovation &#8211; die R&#252;ckkehr zum vergessenen Eigenen und nicht die Einf&#252;hrung von etwas Fremdem.</p><p>(Anmerkung: Recovery im angloamerikanischen Raum kommt historisch aus komplett anderen ideengeschichtlichen Wurzeln als die fr&#252;he Profession der Sozialen Arbeit in Deutschland. Beide kommen jedoch in Grundz&#252;gen zu gleichen Ergebnissen.)</p><div><hr></div><h2><strong>Paradigmenwechsel der fr&#252;hen Sozialen Arbeit</strong></h2><p>Die fr&#252;he Soziale Arbeit in Deutschland zeichnet sich aus durch einen grundlegenden Paradigmenwechsel. Dieser ist in Grundz&#252;gen vergleichbar mit dem Paradigmenwechsel, den der Recovery-Ansatz vorschl&#228;gt.</p><p>Was fanden die Gr&#252;nderinnen der modernen Sozialen Arbeit vor, als sie diesen neuen Berufsstand ins Leben riefen?</p><p>In der christlichen und b&#252;rgerlichen Armenf&#252;rsorge wurde gefragt, wer Hilfe verdient hat, wer w&#252;rdig und wer nicht w&#252;rdig ist. Mit der Hilfe kamen Moralurteile &#252;ber Betroffene, die Forderung nach Umkehr bzw. normgerechtem Verhalten. Kontrolle, Erziehung und Disziplinierung bis hin zur Dem&#252;tigung waren allt&#228;glich, wenig hinterfragt und in Besserungsanstalten und Irrenh&#228;usern institutionalisiert.</p><p>Diese Tradition wirkte bis ins 20. Jahrhundert, teilweise bis heute: Wer angepasst ist, gilt als &#8222;stabil&#8221;. Wer widerspricht, gilt als &#8222;schwierig&#8221;. Die Helfenden fordern von Hilfesuchenden Compliance und Dankbarkeit.</p><p>In diesem Klima wurde die Soziale Arbeit in Deutschland vor &#252;ber 100 Jahren vor allem von j&#252;dischen Frauen begr&#252;ndet &#8211; von Jeanette Schwerin, Alice Salomon, Bertha Pappenheim, Siddy Wronsky und ihren Mitstreiterinnen.</p><p>Sie forderten ein grundlegend anderes Wertesystem, eine grundlegend andere Arbeitsweise als in der christlichen und b&#252;rgerlichen Armenf&#252;rsorge: Sie forderten praktische Gerechtigkeit, keine Wohlt&#228;tigkeit, W&#252;rde statt Dankbarkeitspflicht. Sie forderten Respekt vor der betroffenen Person, auf Augenh&#246;he, und nicht vor der helfenden Autorit&#228;t oder der Organisation. Die Mittel zum Zweck: Beziehungsarbeit, Selbstbestimmung, Hilfe zur Selbsthilfe, Unterst&#252;tzung zur Teilhabe. Und eine wissenschaftliche Fundierung, in der Methoden des Helfens nicht ideologisch oder nach subjektivem Ermessen von Helfenden vorgegeben, sondern so objektiv wie m&#246;glich &#252;berpr&#252;ft werden.</p><p>Das erinnert sehr an den Recovery-Ansatz. Doch die Gr&#252;nderinnen der Sozialen Arbeit nannten es nicht Recovery, sondern sie zogen ihre Inhalte aus einer jahrtausendealten j&#252;dischen Tradition, der Zedaka.</p><div><hr></div><h2><strong>Zedaka</strong></h2><p>Zedaka ist ein zentrales j&#252;disches Konzept. Oft wird der Begriff mit &#8222;Wohlt&#228;tigkeit&#8221; &#252;bersetzt. Doch das ist irref&#252;hrend. Zedaka kommt vom hebr&#228;ischen Begriff <em>Zedek</em> (&#8222;Gerechtigkeit&#8221;) und beschreibt die &#8222;Aus&#252;bung von Gerechtigkeit&#8221;.</p><p>Anders als in der Wohlt&#228;tigkeit im christlichen und b&#252;rgerlichen Verst&#228;ndnis wird mit Zedaka eine ethische und religionsgesetzliche Pflicht erf&#252;llt. Geben ist eine individuelle und gemeinschaftliche Pflicht, keine Wahl. Nehmen hingegen ist ein Recht, keine Gnade. Bed&#252;rftige nehmen, was ihnen zusteht. Die Dankbarkeit ist zun&#228;chst einmal auf Seiten der Gebenden: dankbar, eine religionsgesetzliche Pflicht aus&#252;ben zu d&#252;rfen. Dahinter steht die Grundannahme, dass aller Reichtum dieser Welt uns nur gegeben wurde, um ihn in unseren Lebenszeiten zu verwalten. Nach diesem Verst&#228;ndnis erm&#246;glichen mittellose Menschen den Reichen, ihre religi&#246;se Pflicht zu erf&#252;llen und so gewisserma&#223;en an einer pers&#246;nlichen und gesellschaftlichen Perfektionierung zu arbeiten. Interessanterweise gilt das Gesetz der Zedaka auch f&#252;r die &#196;rmsten: Jede:r gibt einen bestimmten Anteil seiner Einnahmen, und sei dieser Anteil noch so gering. Heute sprechen wir in diesem Zusammenhang von &#8222;Teilgabe&#8220; im Gegensatz zu blo&#223;er Teilhabe: Geben ist heilsam. Geben ist damit nicht nur eine Pflicht, sondern auch ein Recht f&#252;r jede:n. Es ist eine Ehre, geben zu d&#252;rfen, ein Akt der Gerechtigkeit, eine Normalit&#228;t ohne Gegenforderung.</p><p>Maimonides, der gro&#223;e j&#252;dische Gelehrte des 12. Jahrhunderts, hat acht Stufen der Zedaka beschrieben, die sich aus der biblischen und talmudischen Tradition ableiten und bis heute G&#252;ltigkeit haben: Dabei ist die niedrigste Stufe das widerwillige Geben. W&#252;rdesch&#252;tzende, bedarfsgerechte und idealerweise anonyme Hilfen haben einen hohen Stellenwert. Die h&#246;chste Stufe der Zedaka ist die Hilfe zur Selbsthilfe &#8211; eine Unterst&#252;tzung, die Eigenst&#228;ndigkeit und Unabh&#228;ngigkeit f&#252;r Betroffene schafft.</p><p>Maimonides fasst damit das Wesen der Zedaka gut zusammen: Hilfe, die nicht besch&#228;mt, auf Augenh&#246;he, von Freude und Wertsch&#228;tzung getragen und auf Unabh&#228;ngigkeit ausgerichtet. W&#252;rde er heute leben, so w&#228;re er sicher ein Vertreter des Recovery-Ansatzes oder des Empowerments. Und vor hundert Jahren h&#228;tte er vielleicht mit Schwerin, Salomon und all den anderen die Profession der Sozialen Arbeit unter gleichen Vorzeichen gegr&#252;ndet.</p><p>Die j&#252;dischen Gr&#252;nderinnen pr&#228;gten die Profession der Sozialen Arbeit ma&#223;geblich durch die Tradition der Zedaka &#8211; basierend auf dem Grundprinzip von Gerechtigkeit statt Wohlt&#228;tigkeit, in einem deutlichen Gegensatz zur christlichen und b&#252;rgerlichen Armenf&#252;rsorge.</p><div><hr></div><h2><strong>Von 1933 bis in die Gegenwart</strong></h2><p>Doch dann kam 1933. Innerhalb weniger Wochen wurden j&#252;dische und politisch engagierte Sozialarbeiter:innen entrechtet. Ihre Stimme verschwand. Sie selbst verschwanden. Eine Ethik der Gerechtigkeit und Menschenw&#252;rde wurde zun&#228;chst verbannt und sp&#228;ter in den Flammen der Schoa verbrannt. Die verbleibenden Sozialarbeiter:innen wurden Kompliz:innen der grausamen Nazi-Politik: der Selektion nicht w&#252;rdigen Lebens und dem Vorantreiben eines gewissenlosen und menschenverachtenden Weltbildes.</p><p>Die fr&#252;here Tradition kam nie zur&#252;ck. Trotz aller Versuche der Entnazifizierung. Trotz aller Versuche, Menschenrechten und Ethik nach den Schrecken des Naziregimes wieder einen Raum in der deutschen Kultur zu geben. Trotz der besten Intention des BTHG.</p><p>Es ist nicht verwunderlich, dass das BTHG und mit ihm Ans&#228;tze wie Empowerment, Inklusion und Recovery sich hierzulande weiterhin extrem schwer tun &#8211; entgegen allen anders lautenden Bekundungen und Selbstwahrnehmungen.</p><p>Vertrauen gilt in vielen Bereichen weiterhin als Wagnis, Gehorsam und Unterordnung als Norm. Selbst- und Mitbestimmung werden allzu h&#228;ufig mit Kontrollverlust verwechselt. Man verwaltet allzu oft lieber Risiken, als Beziehungen zu gestalten und Selbstverwirklichung zu erm&#246;glichen. Die Stimmen, die anders dachten, wurden 1933 zum Schweigen gebracht &#8211; bis heute.</p><p>Deshalb:</p><p>Lasst uns das Wagnis des Vertrauens eingehen.<br>Lasst uns zugunsten von Selbstbestimmung und Mitbestimmung etwas Kontrolle verlieren.<br>Lasst uns das Risiko von Beziehungen und Selbstverwirklichung eingehen.</p><p>Lasst uns aufbrechen in eine neue Soziale Arbeit: radikal auf Augenh&#246;he, radikal unbequem, radikal eigensinnig, radikal demokratisch.</p><p>Dies w&#228;re eine Soziale Arbeit im Sinne des Recovery-Ansatzes. Erinnern wir uns - Recovery bringt nichts Neues:</p><ul><li><p>Maimonides und die h&#246;chste Stufe der Zedaka: Bef&#228;higung zur Selbstst&#228;ndigkeit als direkte Parallele zu Empowerment im Recovery-Ansatz.</p></li><li><p>Schwerin/Salomon etc. dachten Soziale Arbeit als Subjektstatus, Rechte und Teilhabe.</p></li><li><p>In der Gegenwart: Recovery kn&#252;pft diese urspr&#252;ngliche Ethik wieder an die Praxis an.</p></li></ul><p>Vielleicht liegt die wahre Innovation darin, uns an die vertriebenen Anf&#228;nge der Sozialen Arbeit zu erinnern &#8211; an ihre Herangehensweisen und Haltungen, die wir nie h&#228;tten vergessen d&#252;rfen.</p><div><hr></div><h1><strong>Ausgew&#228;hlte Quellen</strong></h1><p>Boecker, M. &amp; Weber, M. (Hrsg.). (2023). <em>Das Bundesteilhabegesetz (BTHG) und seine Folgen: Personenzentrierung und Wirkungsnachweis als neue Parameter in der Eingliederungshilfe f&#252;r Menschen mit Behinderungen.</em> Nomos.</p><p>Conradi, E. (2018). 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Springer.</p><div><hr></div><p>Autor: Joel Roerick</p><p>Creative Commons Zero 1.0 (Public Domain Dedication).</p><div><hr></div><p>Ver&#246;ffentlicht am 2026-01-29 auf <a href="https://blog.joelroerick.com/2026/01/erinnerung-nicht-innovation">blog.joelroerick.com</a></p>]]></content:encoded></item></channel></rss>